Wofür etwas da ist

Von einem Ast, Moos und dem Blick auf das Brauchbare

2026

Von einem Ast, Moos und dem Blick auf das Brauchbare

Heute im Wald habe ich einen Ast aufgehoben.

Er lag bereits auf dem Boden. Ich hatte ihn nicht vom Baum gebrochen, und zunächst schien nichts dagegenzusprechen, ihn mitzunehmen.

Ich wollte ihn nicht sammeln oder zu Hause aufbewahren.

Ich wollte mit ihm malen.

Die gebrochene Spitze, die rauen Fasern, vielleicht eine Stelle, an der das Holz beim Ziehen über das Papier hängen bleiben würde – ich stellte mir vor, welche Spur daraus entstehen könnte. Ein solcher Ast lässt sich nicht führen wie ein Pinsel. Er nimmt Tusche ungleichmäßig auf, kratzt über das Papier, setzt aus oder hinterlässt dort etwas, wo man es nicht erwartet.

Für einen Moment war er in meinem Blick bereits zu einem Werkzeug geworden.

Dann sah ich das Moos.

Es hatte sich über einen großen Teil des Holzes ausgebreitet. Ich hielt den Ast noch eine Weile in der Hand und legte ihn schließlich wieder auf den Waldboden.

Nicht, weil ich plötzlich wusste, dass genau dieser Ast an genau dieser Stelle unverzichtbar war.

Das wusste ich nicht.

Aber meine erste Beschreibung reichte nicht mehr aus.

Der Ast lag nicht einfach herum.

Auf ihm lebte etwas.

Natürlich hatte ich Moos auch vorher gesehen. Auch an diesem Ast hatte ich das Grün vermutlich von Anfang an wahrgenommen.

Nur hatte ich sehr genau auf etwas anderes geschaut: auf die Spitze, die Länge, die gebrochenen Stellen – auf das, was für mich brauchbar sein könnte.

Das beschäftigt mich mehr als die Entscheidung, den Ast schließlich zurückzulegen.

Denn ich hatte nicht oberflächlich hingesehen.

Im Gegenteil.

Ich hatte ihn aufmerksam betrachtet.

Nur war meine Aufmerksamkeit bereits von einer möglichen Verwendung geordnet.

Ein Werkzeug

Beim Malen suche ich manchmal gerade nach Dingen, die nicht als Malwerkzeuge gedacht sind.

Ein Pinsel ist für diese Handlung gemacht. Form und Widerstand sind darauf abgestimmt, Farbe oder Tusche auf eine Fläche zu bringen.

Ein Ast ist für diesen Zweck nicht geformt.

Seine Spitze ist gebrochen. Fasern stehen ab. Das Holz gibt unter Druck vielleicht nach oder kratzt stärker als erwartet. Was auf dem Papier geschieht, lässt sich nur teilweise kontrollieren.

Genau das interessiert mich daran.

Ich wollte den Ast gerade deshalb benutzen, weil er nicht wie ein dafür gemachtes Werkzeug reagiert.

Und trotzdem hatte ich ihn in dem Moment, in dem ich ihn aufhob, bereits sehr eindeutig zu einem gemacht.

Ich suchte etwas, das meiner Kontrolle einen Widerstand entgegensetzt, und sah zunächst doch vor allem seine mögliche Funktion für mich.

Dann war da das Moos.

Es war einfach da.

Was ich in dem Ast sah, änderte nichts daran, dass dort längst Moos wuchs.

Was für mich gerade Werkzeug werden konnte, war für anderes Leben längst ein Ort.

Der Ast blieb für mich als Malinstrument interessant. Aber ich konnte ihn nicht mehr ausschließlich so sehen.

Mich interessiert dieser Augenblick.

Der Moment, in dem etwas vor mir liegt und ich beinahe unmerklich entscheide, was es ist.

Nicht mehr gebraucht

Der Ast war vom Baum getrennt.

Vielleicht war das der wichtigste Grund dafür, dass er mir zunächst verfügbar erschien.

Ich hatte nichts abgebrochen. Der Baum würde durch mein Mitnehmen nicht verletzt werden. Der Ast war nicht mehr mit ihm verbunden.

Daraus wurde in meinem Kopf beinahe selbstverständlich:

Der Ast wird nicht mehr gebraucht.

Erst später fiel mir auf, wie eng dieser Satz eigentlich war.

Ich meinte:

Der Baum braucht ihn nicht mehr.

Das war alles.

Die Vorstellung, etwas werde „nicht mehr gebraucht“, hatte nur eine einzige Beziehung berücksichtigt.

Dabei hatte sich auf dem Holz längst Moos ausgebreitet. Was einmal Teil des Baumes gewesen war, war nicht einfach zu einem bedeutungslosen Rest geworden.

Was sein Fehlen an genau dieser Stelle verändert hätte, konnte ich nicht beurteilen.

Aber das, was ich zunächst in ihm gesehen hatte, reichte nicht mehr.

„Abgebrochen“ sagte etwas über die Beziehung des Astes zum Baum.

„Verfügbar“ hatte ich selbst hinzugefügt.

Seitdem frage ich mich, wie oft so etwas geschieht.

Wir begegnen Dingen selten ohne Vorstellungen davon, was sich mit ihnen tun ließe. Manchmal genügt eine mögliche Verwendung, und sie schiebt sich vor alles andere.

Das muss nicht falsch sein.

Bei dem Ast geschah trotzdem etwas Merkwürdiges.

Noch bevor ich entschieden hatte, ihn mitzunehmen, hatte ich bereits eine mögliche Spur auf dem Papier gesehen.

Er war in meiner Vorstellung schon Teil eines Bildes geworden.

Und das Moos war darin zunächst nicht vorgekommen.

Vor der Entscheidung

Vielleicht hat mich gerade deshalb Robin Wall Kimmerers Das Sammeln von Moos so gefesselt.

Nicht nur, weil sie über Moose schreibt, die leicht übersehen werden. Beim Lesen wurde mir deutlicher, wie viel auf einer kleinen Fläche geschehen kann, die aus meiner Höhe kaum auffällt.

Was zunächst nur wie eine grüne Stelle auf dunklem Holz aussieht, zeigt sich bei näherer Betrachtung als etwas Eigenständiges.

Ich kann deshalb nicht behaupten, den Wald aus der Perspektive eines Mooses zu sehen.

Das kann ich nicht.

Aber meine Perspektive entscheidet eben auch nicht darüber, in welchen Beziehungen etwas bereits steht.

Auch an Kimmerers Die Großzügigkeit der Felsenbirne musste ich dabei denken. Mich interessiert daran weniger eine Regel darüber, was genommen werden darf. Eher die Frage, was meinem Nehmen schon vorausgeht.

Was sehe ich – und was übersehe ich –, wenn mir etwas verfügbar erscheint?

Und vielleicht noch wichtiger:

Was habe ich bereits entschieden, während ich glaube, lediglich hinzusehen?

Bei dem Ast war die Antwort ziemlich konkret.

Ich hatte seine Form betrachtet, seine Oberfläche, seine gebrochene Spitze.

Ich hatte genau hingesehen.

Und trotzdem hatte ich zunächst hauptsächlich mich selbst darin gesehen:

meine Hand,

die Tusche,

das Papier,

die mögliche Spur.

Ohne solche Vorstellungen würde vermutlich keine meiner Arbeiten beginnen. Etwas fällt mir auf, weil ich eine Möglichkeit darin erkenne.

Ich möchte diesen Impuls nicht loswerden.

Vielleicht möchte ich ihm nur nicht immer sofort das letzte Wort geben.

Als ich den Ast wieder auf den Boden legte, hatte sich an ihm selbst kaum etwas verändert.

Das Moos war vorher dort und danach auch.

Zuerst hatte ich ein mögliches Malinstrument gesehen.

Jetzt sah ich außerdem ein Stück Totholz, auf dem Moos lebte.

Der erste Blick war deshalb nicht falsch. Aber inzwischen war etwas dazugekommen.

Vielleicht möchte ich deshalb beim nächsten Mal nicht sofort fragen, ob ich etwas verwenden kann.

Oder jedenfalls nicht nur.

Manchmal reicht es, die Entscheidung um einen Augenblick zu verschieben.

Etwas noch ein wenig länger dort liegen zu lassen, wo es ist.

Und etwas später zu entscheiden, wofür es da ist.