Etwas unübersetzt lassen
Im Wald verändert sich nach wenigen Schritten das Licht.
Über mir schließt sich das Blätterdach. Darunter wird das Grün dunkler. Der Boden riecht feucht. An einer Stelle liegt der Geruch von Holz in der Luft, an einer anderen etwas Erdiges, das ich nicht genauer benennen kann.
Fast sofort ist da etwas Vertrautes.
Ein Geruch erinnert mich an einen anderen Wald. Das Licht zwischen den Blättern an einen Weg, den ich früher oft gegangen bin. Eine bestimmte Dichte im Grün an einen Ort, dessen Namen ich nicht sofort hätte nennen können. Ich bin hier, und gleichzeitig tauchen andere Orte auf. Das geschieht so schnell, dass ich es meistens kaum bemerke.
Vielleicht betrete ich einen neuen Ort immer auch mit Erinnerungen an andere Orte. Ich vergleiche. Ich erkenne etwas wieder. Das hilft mir, mich zu orientieren. Der Geruch erinnert mich an einen anderen Wald. Trotzdem gehört er zu diesem hier. Auch das Licht kommt mir bekannt vor. Es fällt trotzdem hier durch diese Blätter. Vielleicht fällt mir dieser Unterschied gerade deshalb auf, weil Ähnlichkeit so hilfreich ist. Sobald ich sagen kann: „Das ist wie …“, rückt etwas näher. Ein neuer Ort bekommt einen Bezugspunkt. Etwas, das ich noch nicht kenne, verbindet sich mit etwas, das mir vertraut ist. Manchmal ist das genau das, was ich brauche.
Aber ich könnte auch durch einen Wald gehen und fast nur Dinge finden, die mich an etwas anderes erinnern. Dann hätte ich viel erkannt. Und vielleicht trotzdem wenig von diesem Ort gesehen. Die Erinnerungen gehören tatsächlich zu meiner Wahrnehmung. Aber sie gehören zu mir. Vielleicht geschieht bei solchen Vergleichen etwas Ähnliches wie beim Übersetzen. Etwas Neues rückt in die Nähe dessen, was ich bereits kenne.
Ich merke das besonders in Gesprächen.
Jemand erzählt von etwas, das ihm passiert ist, und noch während er spricht, taucht bei mir vielleicht eine eigene Erinnerung auf. Ich kenne das. Mir ist einmal etwas Ähnliches passiert. Das kann ein guter Satz sein. Vielleicht möchte ich damit sagen: Ich kann etwas davon nachvollziehen. Du bist damit nicht ganz allein. Eine eigene Erinnerung kann Nähe schaffen. Aber sie sagt noch nicht, dass ich dasselbe erlebt habe. Vielleicht überschneiden sich zwei Erfahrungen nur an einer Stelle. Vielleicht war genau das, was für mich nebensächlich war, für den anderen entscheidend. Dann kann „Das kenne ich“ mehr behaupten, als ich eigentlich weiß.
Es gibt Erfahrungen, bei denen ich etwas nachvollziehen kann, ohne dafür ein Gegenstück in meinem eigenen Leben zu haben. Ich kann fragen und zuhören. Ich kann merken, dass etwas wichtig ist, ohne genau zu wissen, wie es sich anfühlt. Dann bleibt zunächst einfach das, was der andere erzählt hat. Vielleicht ist das gar nicht so wenig.
Beim Übersetzen von Texten begegnet mir dieser Unterschied auf eine wörtlichere Weise. Ein Satz kann korrekt übersetzt sein und trotzdem eine andere Bewegung bekommen. Eine Wendung, die im Deutschen beiläufig klingt, wird im Englischen vielleicht deutlicher. Ein Wort passt fast, zieht den Satz aber etwas weiter in eine Richtung, als ich möchte.
Dann hilft es nicht immer, Wort für Wort näher an die Ausgangsfassung zu rücken. Manchmal muss sich ein Satz verändern, damit in der anderen Sprache etwas von ihm erhalten bleibt. Das empfinde ich nicht automatisch als Verlust. Die beiden Fassungen müssen nicht deckungsgleich sein. Vielleicht reicht es, wenn sie an entscheidenden Stellen noch zueinander gehören.
Beim Malen wird das für mich weniger wörtlich. Ich gehe nicht in den Wald, um ihn später in ein Bild zu übertragen. Ich kann dort etwas sehen, das mich beschäftigt. Eine Dichte zwischen Zweigen. Eine Bewegung. Eine Stelle, an der das Licht kaum auf den Boden kommt.
Später stehe ich vor einem Blatt.
Vielleicht ist von diesem Wald nichts mehr zu erkennen.
Kein Baum.
Keine Blätter.
Kein Weg.
Und trotzdem kann die Erfahrung etwas mit der Arbeit zu tun haben. Vielleicht lasse ich eine Fläche anders stehen oder bewege ein Werkzeug anders über das Papier. Oder es verändert sich nur der Moment, in dem ich entscheide, nichts mehr hinzuzufügen.
Ich könnte nachträglich versuchen, eine genaue Verbindung herzustellen. Diese Linie kommt von jenem Ast. Diese dunkle Fläche vom Blätterdach. Dieses Weiß von dem Licht dazwischen. Aber so eindeutig verläuft es oft nicht. Etwas kann meine Arbeit verändern, ohne später als eigenes Element darin aufzutauchen.
Wenn ich eine Beobachtung unbedingt in eine bildliche Entsprechung verwandeln wollte, müsste ich irgendwann festlegen, was daran für mich entscheidend war: die Form, die Bewegung oder das Licht.
Aber manchmal weiß ich gar nicht, was ich daraus herauslösen sollte. Vielleicht gehörten der Geruch und das Licht ebenso dazu wie eine Erinnerung, die plötzlich auftauchte – und etwas, das ich gar nicht benannt habe. Vielleicht reicht es, dass es meine Aufmerksamkeit für eine Weile verändert hat.
Eine Erfahrung kann in eine Arbeit eingehen, ohne darin später wiedererkennbar zu sein. Etwas muss nicht zu etwas anderem werden, damit es bleiben kann.
Später weiß ich vielleicht nicht mehr, ob eine bestimmte Bewegung aus einer Beobachtung im Wald stammt, aus etwas Gelesenem oder einfach aus dem, was in diesem Moment auf dem Papier passiert ist. Ich könnte versuchen, den Ursprung zu rekonstruieren. Meist hilft mir das nicht viel. Interessanter ist, dass etwas geblieben sein kann, ohne seine ursprüngliche Form zu behalten. Auf dem Blatt lässt es sich nicht mehr eindeutig zurückverfolgen.
Etwas ist mitgekommen.
Mehr weiß ich manchmal nicht.