Den eigenen Weg finden
Manchmal liegt eine Arbeit vor mir und ich weiß nicht, ob sie noch etwas braucht.
Eine Linie könnte weitergeführt werden. Eine Fläche könnte dichter werden. Fast immer ließe sich noch etwas hinzufügen oder zurücknehmen. Trotzdem gibt es Momente, in denen ein weiterer Eingriff falsch erscheint. Nicht nach einer Regel. Eher so, als würde ich etwas stören, das bereits da ist.
Woher kommt dieses Urteil?
Erfahrung wäre eine naheliegende Antwort. Doch Erfahrung schärft nicht nur die Wahrnehmung. Sie schafft auch Gewohnheiten. Was mir vertraut ist, erkenne ich schneller, und was ich oft gemacht habe, kann sich gerade deshalb richtig anfühlen. Sicherheit sagt noch nicht viel darüber aus, wie genau ich tatsächlich sehe.
Eine eigene Sprache ist nicht einfach von Anfang an da. Bevor wir selbst arbeiten, haben wir Bilder gesehen. Wir lernen Techniken, übernehmen Vorstellungen davon, was ausgewogen, stark, leer oder zu viel ist. Auch wer vieles autodidaktisch lernt, arbeitet nicht ohne Einflüsse.
Mit der Zeit werden manche Entscheidungen selbstverständlicher. Materialien, Bewegungen und Formen wiederholen sich, ohne dass man sie jedes Mal neu begründen müsste. Irgendwann sieht man darin etwas, das man als die eigene Arbeit erkennt.
Beim Lesen von Hermann Hesses Demian musste ich daran denken. Emil Sinclairs Welt ist zu Beginn klar geteilt. Da ist die helle Ordnung des Elternhauses und daneben eine andere Welt, die ihn beunruhigt und anzieht. Bald zeigt sich, dass diese Trennung nicht außerhalb seiner Person bleibt. Sinclair gehört zu beidem.
Früh erzählt Demian ihm die Geschichte von Kain anders, als Sinclair sie gelernt hat. Das Kainsmal erscheint nicht mehr nur als Zeichen einer Schuld. Demian liest es als Zeichen eines Menschen, dessen Eigenart andere verunsichert oder ihnen Angst macht.
Ob diese Deutung überzeugt, ist für mich gar nicht das Interessanteste. Entscheidender ist, dass eine Geschichte, die Sinclair bislang als festgelegt kannte, plötzlich auch anders gelesen werden kann.
Beim Arbeiten merke ich etwas Ähnliches. Begriffe, die lange eindeutig wirkten, werden unsicher. Wann ist eine Arbeit fertig? Wann ist eine Fläche zu leer? Wann ist eine Spur ein Fehler, wann trägt gerade sie das Bild? Viele solcher Urteile wirken selbstverständlich, bis man sich fragt, woher diese Selbstverständlichkeit eigentlich kommt.
Demian ließe sich leicht auf die Aufforderung verkürzen, der eigenen inneren Stimme zu folgen. Damit tue ich mich schwer. Eine innere Stimme ist nicht automatisch verlässlich. Trotz kann sich wie Unabhängigkeit anfühlen, und selbst der Wunsch, anders zu sein, bleibt oft eng an das gebunden, wovon man sich absetzen möchte.
Irgendwann stehen aber nicht mehr nur fremde Vorstellungen infrage, sondern auch das Bild, das man selbst von sich aufgebaut hat.
Beim Arbeiten kenne ich diese Verschiebung. Anfangs können die Maßstäbe anderer besonders laut sein. Später werden sie leiser. Dafür entstehen andere Gewissheiten:
So arbeite ich.
Diese Art von Linie gehört zu meiner Arbeit.
Das andere nicht.
Eine eigene Sprache kann zur eigenen Vorschrift werden.
Das geschieht unauffällig, weil diese Vorschrift nicht mehr wie Anpassung aussieht. Sie kann sich wie Konsequenz anfühlen oder wie Treue zu sich selbst. Auch dieser Ausdruck ist mir inzwischen nicht ganz geheuer. Hesse schreibt an anderer Stelle davon, dass ein Künstler etwas Einmaliges geben könne, wenn er sich treu bleibe. Aber welchem Selbst bleibt man treu, wenn dieses Selbst sich verändert? Gerade Demian erzählt davon, wie eng eine einmal gewonnene Vorstellung von sich werden kann.
Der Roman entstand während einer schweren Krise Hesses. Seine psychoanalytische Arbeit mit Josef Bernhard Lang gehört zu diesem Hintergrund; Pistorius trägt Züge Langs. Das erklärt den Roman nicht, aber es hilft zu verstehen, weshalb Selbstbeobachtung, innere Spaltung und Veränderung darin so viel Raum einnehmen.
Sinclair braucht andere Menschen. Demian verändert seine Sicht. Pistorius eröffnet ihm neue Denk- und Erfahrungsräume. Trotzdem kann keiner von ihnen das übernehmen, worum es für Sinclair selbst geht.
Einflüsse müssen nicht verschwinden, damit etwas Eigenes entstehen kann. Manche öffnen erst etwas, das vorher gar nicht sichtbar war.
Siddhartha weiß zu Beginn bereits viel. Er ist religiös gebildet, kennt Meditation und Askese, hat Lehrer und ist sehr diszipliniert. Als er Gotama begegnet, muss er dessen Größe nicht bestreiten. Der Buddha muss nicht irren, damit Siddhartha ihm nicht folgt.
Eine Lehre lässt sich weitergeben. Was ein Mensch damit selbst erfährt, lässt sich nicht auf dieselbe Weise vermitteln.
Beim Arbeiten ist es ähnlich. Technisches Wissen lässt sich lernen. Ich kann erfahren, wie ein Papier auf Wasser reagiert, wie sich Farbe verhält oder was Dichte mit einer Fläche macht. Ich kann Komposition untersuchen und an den Arbeiten anderer erkennen, weshalb bestimmte Entscheidungen überzeugen.
Vor der eigenen Arbeit bleibt trotzdem etwas offen.
Was braucht dieses Bild?
Nicht das Bild im Allgemeinen. Dieses hier.
Auch Siddhartha macht daraus keine einfache Aufforderung, nur auf sich selbst zu hören. Sein Weg besteht nicht aus einer Reihe richtiger Entscheidungen. Askese, Begehren, Besitz und Überdruss gehören ebenso dazu. Auch Erfahrungen, die ihn irgendwann nicht mehr tragen, gehören zu seinem Weg.
Später kehrt Siddhartha zum Fluss und zu Vasudeva zurück. Der Fährmann erklärt ihm keine neue Weltanschauung. Er lenkt seine Aufmerksamkeit immer wieder zurück auf den Fluss. Siddhartha muss selbst hören.
Vom Fluss lernt Siddhartha nicht nur zu hören. Auch sein Verhältnis zur Zeit verändert sich. Im Bild des Flusses sind Ursprung, Mündung und alles Dazwischen zugleich gegenwärtig. Siddhartha beginnt dadurch auch sein eigenes Leben anders zu sehen.
Vasudeva nimmt Siddhartha die Erfahrung nicht ab. Ohne ihn wäre dieses Hören womöglich nicht in derselben Weise möglich geworden.
Michael Endes Momo berührt denselben Gedanken von einer anderen Seite. Momos besondere Gabe ist das Zuhören. Sie hört nicht zu, um anschließend die richtige Antwort zu geben. In ihrer Gegenwart beginnen andere selbst zu sprechen, zu erzählen oder etwas zu erkennen, das vorher keinen Raum hatte.
Vasudeva hilft Siddhartha, auf den Fluss zu hören. Momo hört Menschen so zu, dass sie selbst etwas finden können. Beides zeigt, dass ein Einfluss entscheidend sein kann, ohne das Ergebnis vorzugeben.
Der „eigene Weg“ klingt für mich deshalb inzwischen zu einfach. Er kann den Eindruck erwecken, ein Mensch müsse sich nur entschlossen genug von allem Fremden lösen. Bei Hesse bleibt das Verhältnis zu anderen komplizierter: Lehrer, Freunde, Bücher und Erfahrungen gehören dazu.
Bei Momo geht es auch darum, wie man unterwegs ist.
Beppo Straßenkehrer denkt beim Kehren nicht an die ganze Straße. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf den nächsten Besenstrich. Das ließe sich als Rat lesen, große Aufgaben in kleine Schritte zu zerlegen. Mich interessiert daran etwas anderes. Der einzelne Besenstrich ist nicht nur ein Mittel, damit irgendwann die Straße fertig ist.
Später gerät auch Beppo unter den Einfluss der grauen Herren und kehrt nun anders: hektisch und nur noch darauf bedacht, möglichst viel Zeit zu sparen. Er kehrt noch immer Straßen, aber es ist nicht mehr dieselbe Art zu arbeiten.
Bei Beppo geht es für mich deshalb nicht einfach um Langsamkeit. Entscheidend ist, ob das Tun selbst noch zählt oder nur noch das, was später dabei herauskommt.
Auch beim Arbeiten kann die ganze Straße zu früh ins Bild geraten.
Wo führt meine Arbeit hin?
Ist daraus schon eine Sprache geworden?
Passt dieses Werk zu dem, was davor entstanden ist?
Solche Fragen können sinnvoll sein. Sie können ein einzelnes Bild aber auch auf seine Funktion innerhalb einer größeren Entwicklung reduzieren.
Auch das Suchen selbst kann irgendwann die Aufmerksamkeit binden. Siddhartha hat lange ausprobiert, verworfen und weitergesucht. Irgendwann genügt diese Bewegung nicht mehr. Er muss nicht noch eine weitere Möglichkeit finden. Er muss wahrnehmen, was bereits da ist.
Im Atelier kenne ich diesen Unterschied. Es gibt ein Arbeiten, bei dem ich etwas in eine bestimmte Richtung bringen möchte. Und es gibt Situationen, in denen ich zuerst sehen muss, was durch eine Bewegung, durch Material, Wasser oder einen früheren Eingriff schon entstanden ist. Beides gehört zum Arbeiten. Nur verlangt nicht jede Arbeit dasselbe Maß an Führung.
Dass Hesse selbst malte, macht diese Frage für mich besonders greifbar. Seine Malerei begann im Umfeld jener Lebenskrise und wurde später zu einer jahrzehntelangen Praxis. Für mich zählt dabei vor allem, wie genau Hesse über das Sehen beim Malen nachdenkt.
In Kurgast unterscheidet er zwischen etwas, das sich durchaus lernen lässt, und einer schwierigeren Fähigkeit. Einzelne Farben aufeinander abzustimmen, könne man üben und wiederholen.
Schwer sei es, während des Malens auch die noch nicht sichtbaren Teile des Bildes gegenwärtig zu haben und das Ganze in seinen Beziehungen zu empfinden.
Technisches Können kann wachsen, ohne dass dadurch automatisch klar wird, wann ein Bild genug ist. Das Ganze lässt sich nicht wie eine Regel anwenden.
Auch in anderen Äußerungen über Malerei schreibt Hesse von Hingabe und davon, wie sehr seine Aquarelle die sichtbare Wirklichkeit durch persönliche Empfindung verändern. Vor demselben Motiv entstehen unterschiedliche Bilder, weil jeder anders zu dem steht, was er sieht.
Der Gedanke ist befreiend. Er macht Originalität weniger zu einer Aufgabe.
Ganz traue ich ihm trotzdem nicht. Die Vorstellung, jeder Mensch sehe eben auf seine ganz eigene Weise, kann auch bequem werden. Auch Wahrnehmung ist geprägt von Gewohnheiten, Erinnerungen und dem, was wir gelernt haben. Sie kann sich verengen. Und sie kann sich irren.
Bei Gigi zeigt sich noch eine andere Gefahr. Seine Begabung besteht im Erzählen. Später wird daraus Erfolg. Erzählen wird zum Beruf, und er gerät unter den Druck, weiterzuliefern. Was einmal frei entstanden ist, soll sich wiederholen lassen.
Dass sich etwas wiederholt oder wiedererkennbar wird, ist für sich genommen noch kein Problem. Auch Erfolg nicht. Aber wenn die nächste Arbeit bereits wissen soll, wie sie aussehen muss, weil die vorherige funktioniert hat, verändert sich das Verhältnis zum eigenen Tun.
Man beginnt, die eigene Sprache zu bedienen.
Im Band Über das Glück, in dem Volker Michels Werke von Hermann Hesse zusammengestellt hat, tauchen Malerei, Farbe, Sprache und Natur immer wieder auf. Der Band ist kein geschlossenes Werk, das Hesse selbst als Einheit entworfen hätte; er versammelt Texte aus verschiedenen Zeiten. Die titelgebende Betrachtung stammt von 1949.
Hesse beginnt erstaunlich nah am Alltag. Er schreibt über die Fähigkeit, sich an etwas zu freuen, ohne dass dessen Wert aus einem unmittelbaren Nutzen entsteht. Farbe, Klang, Sprache und Schönheit gehören für ihn in diesen Bereich. Auch Wörter besitzen nicht für jeden denselben inneren Wert. Er vergleicht sie mit den Farben eines Malers: Was für einen Menschen beinahe neutral bleibt, kann bei einem anderen eine Erinnerung, einen Klang oder eine Empfindung auslösen.
Das Eigene erscheint hier weniger als etwas, das hergestellt werden muss. Es zeigt sich schon darin, worauf jemand reagiert.
Eine eigene Sprache kann sich lange bilden, bevor man sie benennen kann. Sie steckt vielleicht in kleinen Entscheidungen, die zunächst kaum auffallen: woran der Blick hängen bleibt, welche Spur stehen darf, welche Leere man aushält, wann eine Bewegung zu viel wird. Manches davon lässt sich später erklären. Anderes bleibt einfach an Erfahrung gebunden.
Später verbindet Hesse Glück mit Augenblicken, in denen man ganz gegenwärtig ist und Hoffnung und Furcht zurücktreten.
Ich lese das nicht als späte Antwort auf Demian oder Siddhartha. Dafür liegen zu viele Jahre und andere Werke dazwischen.
Bei den grauen Herren in Momo wird Zeit zu etwas, das sich berechnen und sparen lassen soll. Gespräche, Pausen, Spiel oder Tätigkeiten ohne sichtbaren Ertrag erscheinen plötzlich als Verlust. Zeit soll sich später auszahlen.
Auch ein künstlerischer Weg lässt sich so betrachten.
Dann wäre eine verworfene Arbeit nur sinnvoll, wenn ich etwas aus ihr gelernt hätte. Ein Umweg müsste sich später als notwendig erweisen. Eine Phase bekäme ihren Wert dadurch, dass sie zur nächsten geführt hat.
Mir erscheint das zu eng.
Dabei möchte ich einen Irrtum nicht nachträglich schönreden und eine misslungene Arbeit nicht zum notwendigen Entwicklungsschritt erklären. Trotzdem war die Zeit mit ihr nicht automatisch wertlos, nur weil später nichts daraus geworden ist.
Die Stundenblumen in Momo geben diesem Gedanken ein starkes Bild. Eine Blüte folgt der nächsten, jede entfaltet sich und vergeht. Ich lese darin keine Leiter vom Früheren zum Besseren. Veränderung bedeutet nicht automatisch Fortschritt.
Auch eine künstlerische Phase kann enden, ohne deshalb falsch gewesen zu sein. Eine neue Arbeit kann anders werden, ohne die vorherige zu widerlegen.
Mit jeder neuen Erfahrung kann ich anders auf das zurückblicken, was hinter mir liegt. Was geschehen ist, ändert sich nicht. Eine Entscheidung, die lange eindeutig wirkte, kann später in einem neuen Zusammenhang erscheinen. Und damit verschiebt sich vielleicht auch, was ich mir für die Zukunft vorstellen kann.
Hier denke ich noch einmal an die Kain-Geschichte aus Demian. Sie bleibt dieselbe, aber Sinclair kann sie plötzlich anders lesen. Auch vor einer eigenen Arbeit kann etwas Ähnliches geschehen. Ein Bild, das ich heute für abgeschlossen halte, kann ich später anders beurteilen. Das macht das heutige Urteil nicht wertlos. Ein Urteil muss nicht endgültig sein, um jetzt zu tragen.
Wenn ich bei jeder Arbeit prüfen müsste, ob sie noch „meiner Sprache“ entspricht, würde ich diese Sprache irgendwann verwalten. Wenn ich zusätzlich jede Phase danach beurteilte, ob sie mich einem Ziel näherbringt, würde ich auch den Weg verwalten. Dann bliebe wenig Raum für etwas, das noch keinen Namen hat.
Manchmal liegt eine Arbeit vor mir und ich weiß weiterhin nicht, ob sie noch etwas braucht. Mein Urteil kommt aus Erfahrung, aus dem, was ich gelernt habe, aus früheren Arbeiten und aus Entscheidungen, die sich mit der Zeit verdichtet haben. Darin stecken ebenso Gewohnheiten und Irrtümer.
Ein vollkommen verlässlicher Maßstab wäre mir inzwischen sogar verdächtig. Wichtiger ist, dem eigenen Urteil trauen zu können, ohne es mit einer endgültigen Wahrheit zu verwechseln. Vor einem Bild reicht es nicht, mich selbst darin wiederzuerkennen. Ich muss noch sehen können, was tatsächlich vor mir liegt.
Wahrnehmen braucht Zeit. Zuhören auch. Diese Zeit muss sich nicht später rechtfertigen.
Manchmal bedeutet Aufmerksamkeit, weiterzuarbeiten.
Manchmal, nichts mehr zu tun.
Woher ich das im Einzelfall weiß, lässt sich nicht vollständig beantworten. Gerade deshalb möchte ich daraus keine Regel machen.
Herr Hesse gibt mir keinen Weg vor, Herr Ende auch nicht. Das wäre ein merkwürdiges Ergebnis dieser Lektüren. Ihre Texte haben die Frage schwieriger gemacht.
Vielleicht muss ein eigener Weg nicht ständig wiedererkennbar sein. Und nicht jeder Schritt braucht ein späteres Ziel, das ihn rechtfertigt. Auch mein Blick auf das, was hinter mir liegt, kann sich verändern.
Vielleicht bleibt der Weg gerade dadurch offen.