Manchmal reicht ein wenig zu viel Wasser.
Eine Linie wird breiter, als ich sie haben wollte. Das Schwarz zieht weiter. Mein erster Impuls ist, etwas dagegen zu tun.
Ich könnte Wasser aufnehmen, die Stelle verändern oder an anderer Stelle weiterarbeiten. Vielleicht würde das, was mich gerade stört, später kaum noch auffallen. Aber ich kann die Linie nicht wieder in den Zustand bringen, in dem sie vor diesem Moment war. Ich kann sie nur verändern.
Von hier aus muss ich weiterarbeiten.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Trotzdem merke ich beim Arbeiten, wie schnell ich so tue, als ließe sich eine Entscheidung wieder zurücknehmen. Ich korrigiere, überarbeite, verdichte oder nehme etwas weg und hoffe dabei manchmal, zu einer früheren Möglichkeit zurückzukehren.
Aber eine Korrektur führt nicht zurück.
Wenn ich Wasser aufnehme, verändert sich die Oberfläche. Wenn ich eine Stelle überarbeite, entsteht eine neue Dichte. Eine zusätzliche Linie verschiebt das Verhältnis zu dem, was schon da ist. Vielleicht ist die ursprüngliche Abweichung danach kaum noch zu sehen. Dafür ist etwas anderes entstanden.
Manchmal verändert der Versuch, eine Stelle zu retten, das Bild stärker als das, was ich zunächst für einen Fehler gehalten habe. Das interessiert mich. Nicht, weil Fehler automatisch etwas Gutes wären. Mit dieser Vorstellung kann ich wenig anfangen. Eine unerwartete Spur wird nicht dadurch interessant, dass sie ungeplant entstanden ist. Manches stört. Manches trägt nicht. Manches hätte ich besser anders gemacht.
Das Material entscheidet das nicht für mich. Wie ich damit weiterarbeite, muss ich selbst entscheiden.
Natürlich kann ich vieles beeinflussen. Ich wähle das Papier, den Pinsel, die Menge an Wasser. Ich bestimme den Ausgangspunkt einer Bewegung und häufig auch ihre Richtung. Je genauer ich ein Material kenne, desto besser kann ich einschätzen, wie es sich wahrscheinlich verhalten wird.
Rechnen ist trotzdem nicht dasselbe wie festlegen.
Mit dem ersten Strich beginnt etwas, das vorher nur als Vorstellung vorhanden war. Vielleicht hatte ich ein ziemlich genaues Bild im Kopf. Vielleicht nur eine Bewegung, eine Dichte oder ein Verhältnis zwischen zwei Bereichen.
Dann liegt eine Spur auf dem Papier. Meine Vorstellung ist damit nicht verschwunden. Aber sie ist nicht mehr allein. Von diesem Moment an arbeite ich mit ihrer Wirkung weiter. Wenn ich wieder eingreife, reagiere ich bereits auf etwas, das ich selbst ausgelöst, aber nicht vollständig vorausgesehen habe. Der nächste Eingriff geschieht deshalb unter anderen Bedingungen als der erste.
Vielleicht erscheint mir das Wort Kontrolle deshalb beim Arbeiten oft zu grob. Es klingt, als müsste ich mich zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden: Entweder ich bestimme, was geschieht, oder ich lasse es geschehen.
So arbeite ich nicht.
Manchmal führe ich eine Bewegung sehr genau. Dann lasse ich an einer Stelle etwas geschehen, weil ein sofortiger Eingriff mehr zerstören würde, als er verbessern könnte. Wenig später greife ich wieder bewusst ein. Gerade beim Korrigieren wird mir das deutlich.
Eine Stelle kann mich stören, weil sie tatsächlich nicht trägt. Sie kann mich aber auch stören, weil sie anders geworden ist, als ich sie mir vorgestellt hatte. Das ist nicht dasselbe. Trotzdem kann ich das im Moment des Arbeitens nicht immer leicht unterscheiden.
Mein erster Impuls kann sehr stark sein. Da ist etwas, das ich so nicht wollte, und sofort entsteht der Wunsch, es zu verändern. Je schneller ich reagiere, desto leichter kann ich übersehen, dass sich inzwischen auch der Rest des Bildes verändert hat.
Dann korrigiere ich vielleicht nicht das, was tatsächlich vor mir liegt. Ich versuche, meine frühere Vorstellung zu retten.
Inzwischen beschäftigt mich eine andere Frage mehr als die, ob eine Stelle gelungen oder misslungen ist:
Reagiere ich noch auf das Bild, das vor mir liegt, oder versuche ich, an einer Vorstellung festzuhalten, die es so gar nicht mehr gibt?
Manchmal weiß ich das erst, nachdem ich weitergearbeitet habe.
Eine Korrektur kann eine Stelle beruhigen. Sie kann aber auch eine neue Unruhe erzeugen. Eine Verdichtung, die etwas auffangen sollte, gibt plötzlich einem anderen Bereich mehr Gewicht. Eine neue Spur verändert einen Abstand, und damit verändert sich wieder das, was daneben liegt.
So setzt sich eine Arbeit fort. Sie folgt keinem geraden Weg von einer Vorstellung zu ihrer Ausführung, ist aber auch nicht einfach eine Folge von Zufällen. Ich treffe Entscheidungen. Ihre Folgen werden Teil der Bedingungen, unter denen ich die nächsten Entscheidungen treffe.
Darin liegt für mich etwas anderes als bloßes Loslassen. Loslassen klingt schnell so, als wäre weniger Eingreifen grundsätzlich besser. Als müsste ich nur aufhören, meinen Willen durchsetzen zu wollen und dem Material vertrauen.
Auch das wäre mir zu einfach.
Manchmal braucht ein Bild einen deutlichen Eingriff. Eine Spur kann die Bewegung im Bild unterbrechen. Eine Verdichtung kann den Blick an einer Stelle festhalten, die vorher kaum Gewicht hatte. Manchmal ist eine Entscheidung einfach nicht gut. Dann arbeite ich daran. Nur kann ich dabei nicht so tun, als ließe sich das Geschehene löschen.
Korrigieren bedeutet für mich nicht, zu einem früheren Zustand zurückzukehren. Es bedeutet, mit dem jetzigen Zustand etwas zu tun.
Dadurch kann sich die Arbeit weit von meiner ersten Vorstellung entfernen. Das macht sie nicht automatisch schlechter.
Manchmal merke ich nach einigen Eingriffen, dass etwas entstanden ist, das ich am Anfang nicht hätte planen können. Manchmal sehe ich dagegen, dass ich eine Arbeit immer weiter verändert habe, ohne dass sie dadurch gewonnen hätte. Beides kommt vor.
Deshalb möchte ich aus dem Unvorhergesehenen keine Methode machen. Wenn ich versuchen würde, Überraschungen absichtlich zu erzeugen, würden sie irgendwann ebenfalls zu einer Art Planung. Wenn ich jede Abweichung stehen ließe, weil sie vermeintlich lebendiger oder wahrhaftiger sei, wäre das nur eine andere Regel.
Mich interessiert eher, was nach einer Entscheidung tatsächlich da ist. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb ich so oft zwischen Eingreifen und Beobachten wechsle. Ich muss etwas tun, damit überhaupt etwas entsteht. Danach muss ich sehen, was ich mit diesem Eingriff ausgelöst habe. Dann entscheide ich wieder.
Nicht alles bleibt sichtbar. Eine Stelle kann überarbeitet werden. Eine Linie kann unter einer dunkleren Fläche verschwinden. Wasser kann Pigment verschieben, bis eine frühere Grenze kaum noch zu erkennen ist.
Ich muss nicht mehr sehen können, was vorher da war. Entscheidend ist, dass ich darauf reagiert habe, solange es Teil des Bildes war.
Ein fertiger Plan kann mir beim Arbeiten nur begrenzt helfen. Er kann eine Richtung geben und mir sagen, womit ich beginnen möchte. Aber er kann nicht vorwegnehmen, was während des Arbeitens entsteht. Ich selbst kann es auch nicht.
Das bedeutet nicht, dass ich dem Bild nur folgen müsste, als hätte es einen eigenen Willen. Das Bild weiß nicht, was richtig ist. Das Papier gibt mir keine Antwort. Wasser besitzt keine Absicht.
Die Entscheidungen bleiben meine. Nur treffe ich sie nicht mehr vor einer leeren Fläche. Ich kann eingreifen und verändern, aber der vorige Zustand steht mir nicht mehr zur Verfügung.
Vor mir liegt irgendwann etwas, das ich nicht vollständig geplant, aber Schritt für Schritt mit hervorgebracht habe.
Ich habe die erste Linie gesetzt. Wasser hat sich ausgebreitet. Das Papier hat die Tusche aufgenommen. Danach habe ich wieder entschieden. Und danach noch einmal.
Wo dabei meine Absicht endet und das Material beginnt, lässt sich kaum bestimmen.
Vielleicht muss ich das auch nicht.
Ich kann nur von dem aus weiterarbeiten, was jetzt da ist.