Wenn niemand hinsieht
Von Sichtbarkeit und dem Blick der anderen
Von Sichtbarkeit und dem Blick der anderen
Ich habe ein Bild vor mir, merke irgendwann, dass ich nichts mehr hinzufügen möchte, und stelle es zur Seite.
Vielleicht lehnt es für einige Tage an einer Wand. Vielleicht verschwindet es zwischen anderen Arbeiten.
In dieser Zeit weiß kaum jemand, dass es existiert.
Manchmal niemand außer mir.
Trotzdem empfinde ich es nicht als unfertig.
Die Tusche ist getrocknet. Die Entscheidungen sind getroffen. Etwas, das vorher nur eine Möglichkeit war, ist nun tatsächlich vorhanden.
Und doch verändert sich etwas, sobald ein anderer Mensch davorsteht.
Nicht am Papier.
Aber um das Bild herum.
Jemand bleibt an einer Stelle hängen, die ich kaum beachtet hatte. Vielleicht fragt er nach dem Titel. Vielleicht sagt er gar nichts.
Von diesem Moment an weiß jemand anderes von der Arbeit.
Das lässt sich nicht wieder ungeschehen machen.
Mich beschäftigt deshalb weniger, ob ein Bild einen Betrachter braucht. Die Frage ist für mich komplizierter geworden.
Was war schon da, bevor jemand anderes es gesehen hat?
Und was kommt erst mit diesem Blick hinzu?
Bevor jemand davon weiß
Bei einer fertigen Arbeit kenne ich vieles, was später niemand sehen kann.
Ich weiß, wie das Papier vorher aussah. Ich erinnere mich an die erste Spur und manchmal noch daran, an welcher Stelle ich beinahe aufgehört hätte.
Dieses Wissen ist nicht im Bild versteckt.
Es gehört einfach zu seiner Entstehung.
Ein anderer Mensch kennt diesen Weg nicht.
Er begegnet nur dem, was jetzt vor ihm ist.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum das Zeigen einer Arbeit so selbstverständlich wie ein nächster Schritt wirken kann.
Bei manchen Bildern entsteht nach dem Fertigstellen fast automatisch die Frage, wann ich sie zeigen werde.
Nicht unbedingt, weil ich Zustimmung brauche.
Eher, als gehörte das Zeigen zur natürlichen Fortsetzung dessen, was im Atelier begonnen hat.
Vielleicht tut es das manchmal auch.
Aber „danach“ ist nicht dasselbe wie „damit es vollständig wird“.
Ein Musikstück macht diesen Unterschied für mich besonders deutlich.
Jemand kann allein spielen. Der letzte Ton endet. Niemand hat zugehört.
Dass niemand dabei war, ändert nichts daran, dass es gespielt wurde.
Bei einem Bild ist es ähnlich und gleichzeitig schwieriger.
Denn ein Bild bleibt.
Es kann später noch jemandem begegnen.
Der Blick eines anderen
Mit dieser Begegnung entsteht tatsächlich etwas Neues.
Eine Arbeit, die im Atelier still zwischen anderen steht, kann in einem Ausstellungsraum anders wirken. Jemand sieht eine Verbindung, die ich nicht gesehen habe, oder stellt eine Frage, auf die ich selbst nie gekommen wäre.
Von da an gibt es eine Begegnung, die vorher nicht existierte.
Wo niemand anderes die Arbeit gesehen hat, fehlen diese Spuren fremder Wahrnehmung.
Vielleicht liegt darin ein Grund, weshalb Sichtbarkeit so leicht mit Wert verwechselt werden kann.
Was gesehen wird, erzeugt Reaktionen.
Was keine Reaktion bekommt, kann schnell so wirken, als sei dort weniger gewesen.
Dabei sagt das zunächst nur etwas darüber, wer davon wusste.
Nicht darüber, was geschehen ist.
Ich merke diesen Unterschied auch bei Arbeiten, die lange im Archiv bleiben.
Nicht jede davon soll dort bleiben. Manche möchte ich zeigen oder irgendwann in einem anderen Zusammenhang wiedersehen.
Aber deshalb ist die Zeit davor nicht leer.
Die Arbeit ist bereits da.
Der eigene Blick
Natürlich gibt es bei meinen Arbeiten einen Zeugen.
Mich.
Das klingt fast zu offensichtlich.
Ich war da.
Ich habe die Arbeit entstehen sehen.
Warum fühlt sich der Blick eines anderen trotzdem anders an?
Vielleicht, weil mein eigener Blick nie ganz von der Handlung getrennt ist.
Ich kenne die Entscheidungen. Ich weiß, welche Stelle anders hätte werden können. Ich sehe nicht nur das Bild, sondern auch einiges von dem, was davor lag.
Ein anderer Mensch bekommt diese Vorgeschichte nicht mitgeliefert.
Sein Blick beginnt später.
Vielleicht wirkt er gerade deshalb manchmal wie eine Bestätigung.
Etwas, das bisher nur in meinem eigenen Kreis existierte, tritt hinaus.
Aber auch das Wort „Bestätigung“ gefällt mir nicht ganz.
Es klingt, als hätte die Arbeit vorher auf ein Urteil gewartet.
Das muss sie nicht.
Vielleicht liegt der Unterschied woanders.
Der eigene Blick gehört zur Entstehung.
Der fremde Blick eröffnet eine Beziehung, die vorher nicht da war.
Wenn etwas sichtbar wird
Ich möchte, dass meine Arbeiten anderen begegnen.
Gerade deshalb interessiert mich, was in dem Moment geschieht, in dem sie den eigenen Raum verlassen.
Ein Bild, das ausgestellt oder weitergegeben wird, gerät in Zusammenhänge, die ich nicht vollständig bestimmen kann.
In einer Ausstellung steht es neben anderen Arbeiten. Vielleicht lebt später jemand damit und verbindet etwas damit, das mit seiner Entstehung nichts zu tun hatte.
Diese Beziehung entsteht erst dann.
Vorher war sie nicht da.
Aber vorher fehlte deshalb nicht das Bild.
Das ist ein kleiner Unterschied, und vielleicht beschäftigt er mich gerade deshalb.
Eine Arbeit kann durch einen fremden Blick etwas bekommen, das ich ihr selbst nicht geben kann.
Sie kann auch eine Zeitlang ungezeigt bleiben.
Ungezeigt und unvollständig sind nicht dasselbe.
Wenn niemand hinsieht
Wenn ich eine fertige Arbeit zur Seite stelle, weiß ich nicht immer, wer sie später sehen wird.
Das ist offen.
Was nicht offen ist, ist der Moment, an dem ich aufgehört habe.
Irgendwann war die letzte Spur gesetzt.
Danach kann vieles geschehen.
Ein anderer Mensch kann etwas darin sehen, das mir entgangen ist. Die Arbeit kann einen neuen Ort bekommen oder mit einer Erinnerung verbunden werden, die nicht meine ist.
Vielleicht möchte ich eine fertige Arbeit deshalb nicht immer sofort zeigen.
Nicht, um sie zu verbergen.
Eher um diesen Unterschied nicht zu vergessen.
Jemand anderes kann später hinzukommen.
Das verändert etwas.
Aber es ist nicht der Anfang.