Die Welt lesbar machen
Manchmal bleibe ich beim Eintragen einer neuen Arbeit in mein Werkarchiv an einer Kleinigkeit hängen. Werknummer, Titel und Jahr sind schnell erfasst, auch die Maße bereiten normalerweise keine Schwierigkeiten. Bei der Materialangabe überlege ich dagegen gelegentlich länger. Reicht „Tusche auf Papier“, oder sollte ich die genaue Papiersorte festhalten? Muss ich vermerken, dass ein Blatt nachträglich um wenige Millimeter beschnitten wurde? Es sind unscheinbare Fragen, aber ich möchte später nicht jedes Bild hervorholen müssen, um solche Einzelheiten nachzusehen.
Für eine Rahmung brauche ich verlässliche Maße. Wenn ich herausfinden möchte, welche Werke auf einem bestimmten Papier entstanden sind, hilft mir dessen Bezeichnung. Die Nummer wiederum erleichtert die eindeutige Zuordnung. Viel mehr verlange ich zunächst nicht von meinem Archiv. Trotzdem verbringe ich mitunter erstaunlich viel Zeit damit, die Einträge einheitlich zu halten.
Dabei kann das betreffende Blatt noch neben meinem Rechner liegen. Ich sehe, wo die Tusche unterschiedlich tief in die Fasern eingezogen ist, wie sich eine Form während des Arbeitens verändert hat oder wo zwei Flächen anders aufeinandertreffen als ursprünglich beabsichtigt. Von solchen Dingen erzählt die Tabellenzeile nichts. Wenn ich später nach einem bestimmten Werk suche, genügt mir die knappe Beschreibung. Sobald ich es vor mir habe, interessieren mich wieder ganz andere Einzelheiten.
Aus meinem Geographiestudium kenne ich dieses Verhältnis zwischen Genauigkeit und Auswahl. Auch eine Karte zeigt nur einen Teil dessen, was an einem Ort vorhanden ist. Wege und Gewässer erscheinen als Linien, Geländeformen lassen sich an Höhenlinien erkennen. Ein einzelner Baum an einer Abzweigung kann fehlen, obwohl er vor Ort ein auffälliger Orientierungspunkt ist. Ebenso wenig erfahre ich unbedingt, wie sich ein Weg unter meinen Füßen anfühlt oder ob ich einen Bach schon höre, bevor ich ihn sehe. Solche Dinge können unterwegs wichtig werden, ohne dass die Darstellung deshalb ungenau wäre.
Während des Studiums habe ich mich ausführlicher damit beschäftigt, wie Karten entstehen: welche Einzelheiten bei einem bestimmten Maßstab noch erkennbar sind, welche Zeichen verwendet werden und wie stark man räumliche Verhältnisse vereinfachen muss. Besonders die Höhenlinien sind mir in Erinnerung geblieben. Sie erscheinen auf dem Papier so selbstverständlich, dass man leicht vergisst, wie künstlich ihre Form eigentlich ist. Im Gelände gibt es keine Striche, die einen Hang in regelmäßigen Höhenabständen durchziehen. Die Höhenunterschiede sind vorhanden, die Linien gehören zur Karte.
Mit meinem Werkarchiv geht es mir ähnlich. Die Spalten sind vorhanden, ich fülle sie aus und finde meistens, wonach ich suche. Warum ich ausgerechnet diese Kategorien gewählt habe, frage ich mich selten. Dabei hätte ich vieles anders einteilen können. Materialien ließen sich genauer unterscheiden, Angaben zur Entstehung ergänzen oder verschiedene Papierarten gesondert erfassen. Für manche Fragen wäre das hilfreich, für andere würde es die Suche nur umständlicher machen.
Erst bei einer ungewöhnlichen Arbeit fällt mir auf, was die vorhandene Ordnung nicht berücksichtigt. Eine Materialkombination lässt sich schlecht in einem kurzen Eintrag zusammenfassen, oder ich möchte eine Besonderheit festhalten, für die keine passende Spalte vorgesehen ist. Manchmal ergänze ich eine Kategorie. Meistens lasse ich die Ordnung, wie sie ist.
Allerdings weiß ich nicht, was mich in einigen Jahren interessieren wird. Vielleicht möchte ich dann nachvollziehen, wie sich meine Verwendung bestimmter Materialien verändert hat, oder ich beschäftige mich mit einer Werkgruppe, deren Gemeinsamkeiten mir heute noch nicht auffallen. Was bereits erfasst ist, kann ich leicht vergleichen. Bei allem anderen muss ich die Blätter erneut ansehen und hoffen, dass sich die gesuchten Einzelheiten noch feststellen lassen.
Gelegentlich frage ich mich, wie sehr die vorhandenen Kategorien auch meine Suche beeinflussen. Wenn ich die Werke nach Papierarten sortieren kann, fallen mir möglicherweise Zusammenhänge auf, die ich sonst übersehen hätte. Andere Gemeinsamkeiten lassen sich nicht so einfach finden. Sie ergeben sich vielleicht erst, wenn mehrere Blätter nebeneinanderliegen.
Neben den festen Angaben gibt es in meinem Archiv eine Spalte, die einfach „Notizen“ heißt. Bei vielen Arbeiten bleibt sie leer. In anderen Fällen halte ich dort etwas zur Entstehung fest, eine Besonderheit des Papiers oder einen kurzen Hinweis, den ich keiner anderen Kategorie zuordnen konnte. Die Einträge sind unterschiedlich ausführlich und lassen sich kaum miteinander vergleichen.
Ich habe schon überlegt, diese Bemerkungen genauer zu ordnen. Bisher ist es bei dem freien Feld geblieben. Manchmal finde ich darin eine Notiz wieder, an die ich längst nicht mehr gedacht hatte.