Die Dichte des Kleinen
Von Zwischenräumen, Verwandlung und Material
Von Zwischenräumen, Verwandlung und Material
Meine Arbeit beginnt oft, bevor ich überhaupt an ein Bild
denke.
Manchmal bleibt mein Blick an einer gebrochenen Kante
hängen, am Verlauf einer Faser oder am kleinen Schatten
eines Blatts auf dem Boden. Dann schaue ich länger hin.
Bei einem Stein frage ich mich, wie lange es gedauert hat, bis
er diese Form angenommen hat. Was ich sehe, ist nur ein
Augenblick in einer viel längeren Veränderung.
Es sind selten die großen Dinge, die mich zuerst anziehen.
Meist ist es etwas, worüber der Blick leicht hinweggeht – eine
Spur am Rand oder der Abstand zwischen zwei Formen.
Wenn ich länger hinsehe, scheint nichts einfach nur da zu
sein. An einer Oberfläche lässt sich erahnen, was auf sie
eingewirkt hat. Vieles wirkt dann, als wäre es nur für eine
Weile genau so.
So schaue ich schon lange.
In meinen frühen Skizzen war der Gegenstand oft nur der
Anfang. Mich interessierte mehr, was um ihn herum
geschah: wie zwei Formen aufeinander wirkten und wie sich
eine Fläche veränderte, sobald etwas in ihr auftauchte.
Das Leere war für mich nie wirklich leer.
Eine Form endet nicht an ihrer Kontur. Sie wirft einen
Schatten, verdeckt etwas oder verändert den Raum um sich
herum. Auch die Fläche, die frei bleibt, ist danach nicht mehr
dieselbe.
Damals hätte ich das vermutlich nicht so sagen können. Ich
wusste nur, dass mich diese Zwischenräume anzogen. Heute
sehe ich, dass sie in meiner Arbeit noch immer auftauchen.
Später merkte ich, dass mich in Lyrik und Musik etwas
Ähnliches beschäftigte.
Mit der Zeit achtete ich immer genauer darauf, wie etwas
entsteht, sich wandelt und weiterwirkt.
Was der Boden bewahrt
In einem meiner Gedichte habe ich versucht, diesem
Gedanken näherzukommen:
Das Dunkle verblasst
das Helle erlischt
die Form zerfällt
Asche gibt zurück
was der Boden bewahrt
nichts kehrt zurück
wie es war.
Wenn ich diese Zeilen lese, denke ich nicht nur an Kunst.
Keine Form bleibt für immer so, wie sie ist. Manches
verändert sich plötzlich, anderes so langsam, dass ich es
kaum bemerke. Was sich verändert, wird nicht wieder genau
das, was es einmal war.
Die Asche gibt etwas zurück, stellt aber nichts wieder her.
Der Boden nimmt auf, was in ihn zurückkehrt, und
verwandelt es.
Für mich hat der Boden deshalb etwas von Erinnerung. Er
hält nichts unverändert fest, doch was seine Form verliert,
kann als Stoff, Spur oder Erinnerung weiterwirken.
Auch wir gehören zu diesem Wandel. Unsere Körper
bestehen aus denselben Stoffen wie die Welt um uns herum.
Begegnungen mit Menschen, Orten und Dingen lassen uns
nicht ganz unverändert.
Etwas davon zeigt sich in meinen Bildern: in gebrochenen
Kanten und verblassenden Flächen. Mich interessiert der
Augenblick, in dem eine Form gerade sichtbar wird oder
schon beginnt, sich aufzulösen.
Ein Ton lebt für mich von dem, was vor ihm erklungen ist,
und von der Stille danach. Im Bild trägt das freie Papier
etwas von dieser Stille. Es lässt Raum für Licht und Ruhe.
Manchmal wird ein Bild gerade dann dicht, wenn nur wenig
darin geschieht.
Erst später fiel mir auf, dass ich auch außerhalb meiner
Arbeit auf ähnliche Weise schaute.
Vielleicht war das einer der Gründe, warum ich Geographie
studierte. Schon früh interessierte mich nicht nur, wie ein
Ort aussah. Ich wollte verstehen, warum etwas gerade dort
lag, stand oder wuchs und wie es so geworden war. Mich
interessierte auch, wie es auf seine Umgebung wirkte.
Im Studium lernte ich, noch genauer hinzusehen. Boden,
Wasser und Klima ließen sich nicht voneinander trennen.
Landschaften waren sowohl von geologischen Prozessen als
auch von menschlichen Eingriffen geprägt. Je länger ich
mich mit einem Ort beschäftigte, desto mehr Verbindungen
traten hervor.
Nicht für sich allein
Wenn ich einen Baum betrachte, sehe ich selten nur den
Baum.
Ich denke an den Boden, in dem seine Wurzeln liegen, an
das Wasser, das er aufnimmt, und an das Licht, nach dem
sich seine Blätter richten. Auch Pilze, Tiere und die Luft um
ihn herum sind Teil seines Lebens.
Zugleich prägt der Baum seine Umgebung. Er spendet
Schatten, hält den Boden länger feucht und wird selbst zu
einem Ort für anderes Leben.
Ein Blatt nimmt Licht auf. Später fällt es zu Boden, verliert
seine Form und wird Teil des Bodens, aus dem anderes
wachsen kann.
Auch ein Stein verändert sich – nur so langsam, dass wir es
kaum bemerken. Wasser, Druck, Wärme und Kälte arbeiten
an ihm. Weil wir das nicht sehen, erscheint er uns
unveränderlich.
Doch auch ein Stein ist nur für eine Weile genau dieser Stein.
Mich berührt, wie sehr eines vom anderen abhängt. Dabei
ist nicht alles friedlich. Es gibt Schutz und gegenseitige Hilfe,
aber auch Krankheit, Fraß, Verdrängung und Tod.
Ein Sturm kann in wenigen Stunden zerstören, was über
Jahre gewachsen ist. Später wächst auf demselben Boden
vielleicht etwas anderes, doch neues Wachstum macht den
Verlust nicht ungeschehen.
Und doch ist da manchmal etwas, das ich beinahe
Vollkommenheit nennen möchte. Ich meine damit keine
heile Ordnung. Ich staune darüber, wie vieles
ineinandergreift, obwohl ich nur einen kleinen Teil davon
verstehe.
Je genauer ich hinsehe, desto deutlicher wird mir, wie wenig
ich überblicke. Darin liegt für mich etwas von Ehrfurcht.
Ich denke dabei nicht nur an Tiere und Pflanzen. Licht
verändert Oberflächen, Wasser findet seine Wege, und im
Gestein bleiben Spuren von Druck und Zeit. Feuer löst
Formen auf und verändert einen Ort.
Vieles davon geschieht ohne uns, und doch leben wir mitten
darin. Wir wirken darauf ein und werden selbst davon
geprägt.
Später lernte ich Texte und Traditionen kennen, die meinen
Blick schärften und mir halfen, manches klarer zu benennen.
In Robin Wall Kimmerers Geflochtenes Süßgras begegnete mir
die Dankesrede der Haudenosaunee. In ihr gilt der Dank
nicht nur den Menschen, sondern auch der Erde, dem
Wasser, den Pflanzen, den Tieren, den Bäumen und den
Winden. Mich berührt, dass der Mensch darin nicht für sich
allein steht, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs
gesehen wird.
Auf andere Weise haben auch shintōistische Traditionen
meinen Blick erweitert. Kami können mit Bergen, Felsen,
Bäumen oder Wasserfällen verbunden sein. Einige dieser
Orte werden als Wohnstätten von Kami verehrt. Darin finde
ich eine Möglichkeit, die Welt nicht nur vom Menschen her
zu betrachten.
Mit diesen Traditionen bin ich nicht aufgewachsen. Ich
nähere mich ihnen als Lernender.
Die Begegnung mit ihnen machte mir deutlicher, dass meine
Aufmerksamkeit nicht beim Menschen endet.
Am Arbeitstisch
Am Arbeitstisch achte ich zuerst auf das Papier.
Jeder Bogen hat eine eigene Spannung. Seine Fasern und
seine Saugfähigkeit bestimmen mit, wie sich die Tusche
darauf verhält. Selbst zwei Bögen derselben Sorte können
sich etwas anders verhalten.
Ich setze eine Linie und warte einen Moment. Die Tusche
zieht in das Papier, sammelt sich an einer Kante oder breitet
sich weiter aus als erwartet. An anderer Stelle hält das Papier
sie zurück.
Das Blatt dehnt sich, wellt sich langsam, und die Spur
verändert sich noch beim Trocknen.
Ich beginne mit einer Vorstellung. Sobald die Tusche auf
dem Papier ist, muss ich neu hinsehen. Vielleicht führe ich
die Linie anders weiter, nehme etwas Wasser weg oder lasse
eine Stelle einfach in Ruhe.
Zunächst halte ich manches für misslungen: eine zu dunkle
Stelle, eine gebrochene Linie oder einen Rand, der anders
verläuft als geplant.
Nicht alles lasse ich stehen. Doch manchmal entdecke ich
gerade in einer solchen Stelle etwas, das ich vorher nicht
gesehen hatte.
Beim Arbeiten frage ich mich, ob dem Bild wirklich noch
etwas fehlt oder ob ich nur aus Unsicherheit weitermache.
Noch etwas hinzuzufügen fällt mir oft leichter als
aufzuhören.
Auch wenn ich aufgehört habe, wirkt das Licht weiter. Helle
Stellen werfen es zurück, schwarze Flächen nehmen es auf.
Mit der Zeit verändert das Licht selbst die Oberfläche.
Mit wenigen Mitteln
Meist arbeite ich mit Schwarz und Weiß. Eine Linie oder eine
Fläche kann genügen, während vieles unberührt bleibt.
Ein Strich mehr kann die Ruhe des Bildes stören. Was eben
noch offen war, wirkt plötzlich zu schwer oder zu
geschlossen. Manchmal bleibt gerade eine Linie, von der ich
mir viel verspreche, fast ohne Wirkung.
Nach einem Bild, das mir zu gefällig geworden ist, werde ich
vorsichtiger. Wenn eine Fläche alles andere erdrückt hat,
suche ich in der nächsten Arbeit nach mehr Luft. Manchmal
verstehe ich erst durch ein misslungenes Bild, wonach ich
eigentlich gesucht habe.
In einer kleinen Spur treffen Wasser, Pigment, Papier, Druck
und Zeit zusammen. Ich kann nicht alles zeigen, was darin
geschieht. Wahrscheinlich will ich das auch gar nicht.
Eine dunkle Fläche kann den Blick lange binden. Daneben
tritt das unberührte Papier deutlicher hervor.
Auch die Leere muss tragen.
Wenn ich etwas weglasse, sehe ich das Bild anders. Eine
Kante wird deutlicher, eine Spur tritt hervor, und das Licht
fällt anders auf das Papier.
Landschaften sind in meinen Bildern kaum zu sehen. Natur
finde ich eher im Verhalten des Materials: darin, wie Tusche
fließt oder stockt und wie eine Form dichter wird oder sich
wieder löst.
Beim Schreiben achte ich auf etwas Ähnliches: auf den Raum
zwischen den Wörtern. Manches wird gerade dort spürbar,
wo ich es nicht vollständig ausspreche.
Vielleicht kehre ich deshalb immer wieder zu Was der Boden
bewahrt zurück.