Dass es eine sanfte Möglichkeit geben möge
Die Katze hatte die Maus nicht getötet.
Sie lag auf dem nackten Stein, den Körper nach vorn gestreckt. Sie lief nicht weg. Sie gab keinen Laut von sich.
Fast nichts bewegte sich.
Nur alle paar Sekunden hob sie ganz kurz den Kopf. Auch er war weit nach vorn gestreckt, angespannt. Dann sank er wieder auf den Stein. Daran erkannte ich, dass sie noch lebte.
Von da an waren es nur Sekunden.
Nichts an ihrer Haltung sah für mich nach Ruhe aus. Der Körper lag offen auf dem Stein, nach vorn gespannt. Sie floh nicht, suchte keine Deckung. Nach einigen Sekunden wieder dieses kurze Heben des Kopfes. Ob es Schmerz war, Angst, Atemnot oder etwas anderes, konnte ich nicht wissen. Für mich sah es aus, als versuche dieser Körper noch aus etwas herauszukommen, aus dem er nicht mehr herauskonnte.
Ich erinnere mich nicht an eine saubere Reihenfolge meiner Gedanken. Nur daran, wie viel in diesen wenigen Sekunden gleichzeitig da war. Kann sie sich noch erholen? Kann ich sie retten? Muss ich etwas tun?
Wenn ich handeln würde, musste es schnell gehen. Jede Sekunde, die ich mir für die Entscheidung nahm, war auch eine weitere Sekunde dieses Zustands für sie.
Der Kopf hob sich wieder.
Kurz.
Dann sank er zurück.
Mehr Bewegung sah ich nicht.
Ich konnte nicht erst sicher werden und dann handeln. Nach wenigen Sekunden glaubte ich nicht mehr, dass ich ihr Leben retten konnte. Ich glaubte nur noch, beeinflussen zu können, wie lange dieser Zustand andauern würde.
Ich legte eine Tüte über sie. Warum genau, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht brauchte ich in diesem Augenblick etwas zwischen ihr, mir und dem, was gleich geschehen würde.
Für mehr Gedanken war keine Zeit.
Dann schlug ich einmal zu.
Als ich die Tüte wieder wegnahm, hatte sich der Körper verändert. Die Maus lag nicht mehr nach vorn gestreckt da, sondern auf der Seite, leicht nach innen genommen. Der Kopf war nicht mehr krampfhaft nach vorn gezogen. Die Spannung war aus ihrem Gesicht verschwunden. Luft entwich. Das Fell lag ruhig.
Der Kopf hob sich nicht wieder.
Was mich daran so erschütterte, war dieser sichtbare Unterschied. Eben noch der nach vorn gespannte Körper, das kurze Heben des Kopfes. Dann diese andere Haltung. Seitlich, leicht nach innen. Das Gesicht nicht mehr unter derselben Spannung.
Was ich Sekunden zuvor als einen Kampf des Körpers wahrgenommen hatte, war vorbei.
Ich hatte sie getötet.
Dass mich das so traf, hängt auch damit zusammen, dass ich sonst versuche, genau das Gegenteil zu tun.
Wenn ein Käfer im Haus ist, töte ich ihn nicht. Auch wenn er winzig ist. Ich nehme ihn vorsichtig auf und bringe ihn hinaus. Und „hinausbringen“ bedeutet für mich nicht, ihn irgendwohin zu werfen. Ich setze ihn draußen ab, auf den Boden, an eine Stelle, die mir geeignet erscheint.
Ich kann mich dabei irren. Ich kann seine Welt nicht kennen. Aber ich werde vorsichtig. Mit Schmetterlingen ist es genauso. Mit kleinen Insekten, deren Namen ich nicht kenne. Mit Vögeln. Mit Mäusen. Besonders wenn die Katze sie hat.
Dann wird der Satz, die Natur werde es schon richten, schwierig. Natürlich jagt eine Katze. Natürlich jagen Tiere andere Tiere. Verletzung und Tod gab es lange bevor Menschen darüber nachdachten, ob etwas moralisch richtig oder falsch sei.
Aber wenn unmittelbar vor mir ein Vogel versucht, aus den Zähnen einer Katze zu kommen, sehe ich keine Nahrungskette.
Ich sehe diesen Vogel, der wegzukommen versucht.
Und ich versuche, ihn zu retten.
Selbst beim Graben ist es so. Taucht in der geöffneten Erde ein Wurm auf, geht der Spaten ein Stück daneben. Ein paar Zentimeter vielleicht.
Für den Garten bedeuten sie fast nichts.
Für den Wurm können sie alles bedeuten.
Ich habe darüber lange nicht als Ethik nachgedacht. Es war eher etwas, das ich tat.
Etwas lebt.
Also vorsichtig.
Genau dort beginnt für mich eine größere Frage.
Was verändert sich, wenn nicht mehr nur der Mensch im Mittelpunkt unserer Wahrnehmung steht?
Zunächst erstaunlich wenig. Ich kann weiter graben. Ich kann wohnen, essen, Wege benutzen, Dinge herstellen, mich bewegen. Der Wurm verlangt nicht, dass ich den Spaten aus der Hand lege.
Aber sobald ich ihn sehe, ist da nicht mehr nur das, was ich gerade vorhabe. Da lebt ein Tier sein eigenes Leben. Es bewegt sich durch diese Erde unabhängig davon, was ich mit meinem Garten vorhabe.
Vielleicht ist es sogar die Erde selbst, die dann ein wenig anders vor mir liegt. Für mich ist sie etwas, in dem ich graben will. Für den Wurm ist sie der Ort, in dem er lebt.
Ich will trotzdem graben. Nur kann ich nicht mehr so tun, als wäre mein Vorhaben das Einzige, was an dieser Stelle zählt.
Im Großen geht genau das leicht verloren.
Wir brauchen Nahrung, Wohnungen, Arbeit. Menschen wollen ihre Familie ernähren, Geld verdienen, etwas aufbauen. Unternehmen wollen wachsen, Staaten wirtschaftlich vorankommen. Das alles ist nicht schwer zu verstehen.
Auch deshalb finde ich die Erklärung, Menschen zerstörten Natur eben aus Bosheit oder Gier, zu bequem. Natürlich gibt es Gier. Aber oft sind die Gründe gewöhnlicher.
Und trotzdem steht irgendwann dort ein Wald, und wir sehen Holz. Aus Boden wird Bauland. Ein Fluss wird zur Wasserreserve oder zur Energiequelle. Tiere werden Nahrung. Ein Insekt wird als Schädling bezeichnet, wenn es unseren Interessen entgegensteht, und als nützlich, wenn es etwas für uns tut.
Selbst beim Schutz reden wir oft darüber, was Natur leistet: Wälder speichern Kohlenstoff, Insekten bestäuben Nahrung, Feuchtgebiete schützen Siedlungen. All das stimmt. Aber manchmal frage ich mich, ob wir damit nicht wieder bei uns selbst landen.
Der Käfer auf meiner Hand muss nichts für mich leisten. Oft weiß ich nicht einmal, was für ein Käfer es ist.
Er ist nicht für mich da.
Ich setze ihn hinaus.
Vielleicht verschiebt sich die Mitte dadurch ein wenig. Nicht so, dass der Mensch plötzlich bedeutungslos wäre. Und auch nicht so, dass ein Wurm und ein Mensch in jeder Situation dasselbe bedeuten.
Ich will ja trotzdem graben.
Aber sobald ich den Wurm sehe, ist mein Vorhaben nicht mehr allein.
Für mich gibt es kein Ungeziefer. Schon das Wort macht aus einem Tier zuerst etwas, das uns stört.
Manchmal denke ich, dass sich darin schon sehr viel entscheidet: in dem, was wir überhaupt sehen, bevor wir handeln.
Bei einem Wald ist es ähnlich. Wenn er nur Holzbestand ist, lässt das andere Entscheidungen zu, als wenn ich zuerst sehe, was dort lebt. Manches fängt schon bei den Worten an. Sie entscheiden mit darüber, was wir überhaupt noch sehen.
Ich bin Vegetarier.
Nicht weil ich glaube, dadurch außerhalb dieser Zusammenhänge zu stehen. Auch mein Leben braucht Fläche, Energie, Materialien und Nahrung. Ich wohne irgendwo, benutze Straßen, verbrauche Dinge und hinterlasse Wirkungen, von denen ich viele wahrscheinlich nie bemerken werde.
Ein Leben ohne Folgen scheint mir unmöglich. Aber daraus folgt für mich nicht, dass Unterschiede bedeutungslos werden. Wenn ich einen Schaden vermeiden kann, wird er nicht dadurch egal, dass ich andere Schäden nicht vermeiden kann.
Es ist wieder dieselbe kleine Bewegung wie beim Wurm: nicht die Erde nie zu berühren, sondern ein paar Zentimeter daneben zu gehen, wenn ich ihn sehe.
Warum sollte ich es nicht tun?
Deshalb musste ich auch an Japan und an Miyazaki denken.
Ich merke selbst, wie schnell ich Japan romantisiere. Als hätte es dort einmal diese andere, harmonische Welt gegeben, nach der ich suche. Natürlich stimmt das nicht. Auch dort wurden Wälder gerodet, Erz gewonnen, Tiere getötet, Landschaften verändert.
Trotzdem interessieren mich Vorstellungen, in denen ein Wald, ein Berg oder ein Fluss nicht nur als etwas außerhalb des Menschen erscheint.
An Miyazakis Filmen beschäftigt mich, dass Natur darin nie nur Hintergrund ist. Und auch nicht einfach das Gute. Die Menschen lassen sich dort ebenso wenig eindeutig in richtig und falsch sortieren.
Bei Prinzessin Mononoke beschäftigt mich Lady Eboshi besonders. Sie gibt Ausgestoßenen einen Platz. Sie schafft Arbeit und Schutz. Ihre Gründe sind nicht einfach schlecht.
Der Wald wird dadurch trotzdem nicht weniger zerstört.
Das ist für mich schwerer auszuhalten als eine Geschichte mit eindeutigen Schuldigen.
Eine Familie muss ernährt werden. Eine Gemeinschaft möchte überleben. Menschen brauchen Raum, Holz, Eisen.
Schwierig wird es für mich schon früher: dort, wo menschliche Gründe so selbstverständlich das ganze Gewicht bekommen und alles andere irgendwann nur noch Material wird.
Auch die Sehnsucht nach einem früheren Zustand löst das nicht. Nach einem Ort vor unserer Berührung. Nach einer Zeit vor unserer Verstrickung.
Vielleicht hat es diesen Ort nie gegeben.
Und vielleicht ist das auch gar nicht die Welt, nach der ich mich sehne.
Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Menschen nichts berühren. Ich grabe Erde um. Ich wohne in einem Haus. Ich benutze Straßen. Ich esse. Ich halte eine Katze.
Ich stehe nicht vor einer Glasscheibe, hinter der sich Natur abspielt.
Ich bin darin.
Ich sehne mich nach etwas anderem.
Danach, dass es eine sanfte Möglichkeit geben möge.
Dass ich da sein und Dinge nutzen kann, ohne alles nur von mir aus zu betrachten.
Beim Wurm ist es nicht kompliziert. Ich sehe ihn, und der Spaten geht zur Seite. Beim Käfer reicht manchmal eine vorsichtige Hand. Beim Vogel hoffe ich, rechtzeitig zu kommen.
Es sind kleine Dinge. Aber sie beginnen damit, dass ich merke: Da lebt unabhängig von mir noch etwas.
Man sieht etwas, wird vorsichtiger, und etwas lebt weiter.
Dann denke ich wieder an die Maus.
An den nach vorn gespannten Kopf. An die wenigen Sekunden. An den Körper danach, seitlich und leicht nach innen genommen.
Bei ihr gab es keinen Spaten mehr, den ich ein paar Zentimeter zur Seite bewegen konnte. Keine Tür, die ich öffnen konnte. Keine Katze, der ich ein noch unverletztes Tier abnehmen konnte.
Der Schaden war bereits geschehen.
Und ich fand keine Handlung mehr, bei der alles erhalten blieb, was ich erhalten wollte.
Daran bleibe ich hängen. Nicht daran, dass Fürsorge falsch gewesen wäre. Nicht einmal unbedingt daran, dass ich falsch gehandelt hätte. Sondern daran, dass es diesmal nichts mehr gab, was ich tun konnte und das sich noch wirklich wie Schonung angefühlt hätte.
Und ich hatte keine Zeit, lange darüber nachzudenken.
Ich hatte Sekunden.
Wie lebt man weiter, wenn noch so viel Aufmerksamkeit und Fürsorge nicht verhindern können, dass etwas verloren geht?
Je genauer ich hinsehe, desto mehr bemerke ich von dem, was ohnehin geschieht. Was vorher Hintergrund war, steht plötzlich einzeln vor mir.
Bei der Maus konnte ich mich jedenfalls nicht hinter dem Wort Natur verstecken.
Sie lag unmittelbar vor mir.
Vielleicht ist das auch ein Teil des Problems mit manchen großen Wörtern. Fläche. Bestand. Ressource. Schädling. Natur. Sie können etwas zusammenfassen, bis das Einzelne darin kaum noch zu sehen ist.
Dann lässt sich vieles leichter sagen.
Katzen jagen eben. Beim Graben werden Würmer verletzt. Straßen werden gebaut. Menschen wollen wirtschaftlich vorankommen.
Jeder dieser Sätze mag auf irgendeiner Ebene stimmen. Aber etwas daran reicht mir nicht mehr, sobald ich direkt davorstehe.
Ich weiß nicht, ob Aufmerksamkeit die Welt besser macht. Sie schützt mich nicht davor, zu spät zu kommen. Und sie bedeutet nicht, dass ich immer verstehe, was ein anderes Wesen braucht.
Manchmal gibt es keine Möglichkeit mehr, bei der alles erhalten bleibt.
Damit komme ich nicht klar: dass Vorsicht manchmal trotzdem nicht reicht.
Dass manchmal keine sanfte Möglichkeit mehr übrig ist.
Aber ich möchte daraus nicht lernen, weniger hinzusehen.
Vielleicht liegt irgendwann wieder ein Wurm in der geöffneten Erde.
Ich werde den Spaten nicht aus der Hand legen.
Aber ich werde ihn sehen.
Und die Bewegung wird sich verändern.
Nur ein paar Zentimeter.
Trotzdem.