Bedeutsam, ohne etwas zu bedeuten
Von Formen, Zeichen und Wirkung
Von Formen, Zeichen und Wirkung
Manchmal werde ich vor einem meiner Bilder gefragt, was es bedeutet.
Ich verstehe die Frage.
Wenn etwas gegenständlich ist, gibt es zunächst einen vertrauten Zugang. Man erkennt einen Baum, eine Figur, vielleicht einen Ort. Von dort aus lässt sich weiterfragen: Warum ist gerade das dargestellt? Was geschieht dort? Wofür könnte es stehen?
Bei einer schwarzen Linie auf fast leerem Papier fehlt dieser erste Halt.
Dann liegt die Vermutung nahe, dass die Linie für etwas anderes stehen muss.
Für einen Weg vielleicht. Für einen Riss. Eine Grenze.
Solche Verbindungen entstehen auch bei mir. Manchmal erinnert mich eine Form an etwas, das während des Malens gar keine Rolle gespielt hat.
Aber nicht jede Linie beginnt mit einem Gedanken, den sie anschließend sichtbar machen soll. Oft entsteht sie aus einer Bewegung, aus Geschwindigkeit und Druck oder aus dem Widerstand des Papiers. Manchmal zeigt sich erst beim Arbeiten, wohin sie führen kann.
Die Linie kann wichtig werden, ohne für etwas anderes zu stehen.
Dieser Unterschied beschäftigt mich.
Etwas bedeuten
Zwei Verwendungen desselben Wortes liegen erstaunlich nah beieinander.
Etwas kann etwas bedeuten.
Etwas kann mir etwas bedeuten.
Sie klingen fast gleich und beschreiben doch nicht ganz dasselbe.
Ein Zeichen kann eine vereinbarte Bedeutung haben. Wenn mir dagegen ein Musikstück viel bedeutet, muss ich darin keine eindeutige Aussage erkennen.
Vielleicht könnte ich erzählen, wann ich es gehört habe oder weshalb eine bestimmte Stelle mich jedes Mal erreicht. Ich könnte über Rhythmus oder Harmonie sprechen. Auch Erinnerungen mögen dabei eine Rolle spielen.
Das würde manches erklären.
Es wäre trotzdem nicht das Stück.
Bei Musik erscheint mir das selbstverständlich. Ein Ton verändert den nächsten. Nach einem lauten Klang kann eine Pause plötzlich Gewicht bekommen. Schon das Verhältnis zwischen Ton und Pause kann wichtig werden, ohne dass eines von beiden für etwas anderes stehen muss.
Beim Malen begegnet mir etwas Ähnliches.
Ich setze eine dunkle Spur auf ein helles Blatt.
Von diesem Augenblick an verändert sich die Fläche. Eine Seite bekommt mehr Gewicht. Der freie Raum daneben wirkt größer oder enger. Eine zweite Linie kann die erste verstärken oder zurücktreten lassen. Manchmal genügt eine kleine Verschiebung, und etwas, das vorher ruhig war, beginnt zu kippen.
Die Spur muss dafür nichts darstellen.
Sie tut bereits etwas im Bild.
Vielleicht kommt die Frage nach ihrer Bedeutung deshalb manchmal zu früh. Sie richtet den Blick schnell auf etwas hinter dem Sichtbaren.
Eine dunkle Fläche kann an Verlust erinnern, eine Linie an einen Weg. Solche Lesarten entstehen.
Man kann aber auch bei der Fläche selbst bleiben.
Eine dunkle Form nimmt Licht anders auf als das Papier um sie herum. Ihre Kante endet abrupt oder verliert sich in den Fasern. Sie rückt an eine andere Form heran. Dazwischen bleibt ein schmaler heller Raum.
All das ist bereits da, bevor entschieden ist, wofür etwas stehen könnte.
Manches muss vielleicht gar nicht für etwas anderes stehen.
Es ist sichtbar, ohne deshalb unvollständig zu sein.
Was Sprache hinzufügt
Ganz außerhalb von Bedeutung bleiben meine Arbeiten ohnehin nicht.
Ich gebe ihnen Titel.
Damit kommt Sprache hinzu, und Sprache bleibt nicht folgenlos.
Ein Wort kann etwas hervorheben, das vorher kaum auffiel. Eine Form gerät plötzlich in die Nähe eines bestimmten Bildes. Eine Bewegung, die vorher offen war, erinnert nun stärker an einen Körper oder an Landschaft.
Deshalb bin ich mit Titeln vorsichtig.
Ich möchte nicht, dass sie erklären, was im Bild zu finden ist. Gleichzeitig kann ich nicht so tun, als stünden sie neutral daneben.
Ein Wort bringt etwas mit.
Das gilt auch für denjenigen, der vor einem Bild steht.
Niemand kommt ohne Sprache, Erinnerungen oder frühere Bilder. Eine Form kann an etwas erinnern, das ich nie beabsichtigt habe. Ein anderer Betrachter sieht vielleicht etwas, das mir selbst nicht aufgefallen wäre.
Schwierig wird es für mich erst, wenn eine Deutung so schnell erscheint, dass sie kaum noch etwas anderes zulässt.
Ich kenne das sogar bei meinen eigenen Arbeiten.
Wenn ich in einer Linie einmal einen Ast gesehen habe, lässt sich dieses Wort nicht ohne Weiteres wieder entfernen.
Der Ast ist nun mit im Raum.
Manchmal ist das Wort schneller als die Form.
Vielleicht zögere ich auch deshalb mit eindeutigen Erklärungen.
Nicht alles, was uns erreicht, muss eine Nachricht enthalten.
Ein bestimmtes Licht in einem Raum kann lange im Gedächtnis bleiben. Oder eine Stimme, deren Klang mir genauer in Erinnerung bleibt als das, was sie gesagt hat.
Man kann versuchen zu erklären, weshalb etwas davon wichtig geworden ist.
Manchmal gelingt das erstaunlich gut.
Und trotzdem bleibt zwischen der Erklärung und der Erfahrung ein kleiner Abstand.
Schwer erklärbar zu sein, ist noch kein Qualitätsmerkmal. Eine zufällige Spur gewinnt nichts dadurch, dass niemand sagen kann, was sie bedeutet.
Eine Arbeit kann sehr klar sein und trotzdem keine eindeutige Aussage besitzen.
Vor der eigenen Arbeit wird diese Frage auf eine besondere Weise konkret.
Ich kenne ihre Entstehung. Ich weiß, welches Papier vor mir liegt, wo eine Bewegung begonnen hat und welche Stelle später hinzugekommen ist. Manchmal erinnere ich mich noch genau daran, warum ich aufgehört habe.
Dieses Wissen gehört dazu.
Es erklärt aber nicht automatisch alles, was im Bild geschieht.
Schon während des Arbeitens kann eine gesetzte Spur Beziehungen erzeugen, die in meiner ersten Absicht nicht enthalten waren.
Auch das Material wirkt daran mit.
Tusche fließt nicht auf eine bestimmte Weise, weil ich später etwas darin erkennen möchte. Papier nimmt Wasser entsprechend seiner Fasern auf. Eine Kante bricht auf. An einer Stelle sammelt sich mehr Pigment, eine andere trocknet heller als erwartet.
Darin liegt nichts Geheimnisvolles.
Es sind Vorgänge.
Aber sie bringen etwas hervor, auf das ich reagieren muss.
Vielleicht interessiert mich deshalb die Vorstellung wenig, ein Bild müsse einen bereits fertigen Gedanken nur noch sichtbar machen.
Dann wäre der Gedanke schon abgeschlossen, bevor das Bild überhaupt entstanden ist.
Manche Kunst entsteht so.
Meine Arbeit beginnt oft anders.
Ich habe eine Richtung, manchmal auch eine ziemlich klare Vorstellung. Sobald die erste Spur auf dem Blatt liegt, hat sich die Situation verändert.
Etwas ist hinzugekommen.
Eine Form setzt ein Gewicht, wo vorher keines war. Schon dadurch verändert sich, was neben ihr geschieht.
Etwas muss nicht auf etwas anderes verweisen, um Gewicht zu bekommen.
Seine Wirkung beginnt nicht erst mit einer Deutung.
Wenn ich eine fertige Arbeit ansehe, kann ich vieles über sie sagen.
Ich kann Material und Format nennen. Ich kann von ihrer Entstehung erzählen und vielleicht beschreiben, welche Gedanken damals wichtig waren.
Bei einem Satz zögere ich trotzdem:
Dieses Bild bedeutet …
Natürlich kann Kunst erzählen, erinnern oder Stellung beziehen. Manche Formen sind bewusst Zeichen. Ein Bild muss aber nicht immer auf diese Weise funktionieren.
Vor manchen Arbeiten interessiert mich eine andere Frage mehr.
Was geschieht hier?
Da ist Schwarz.
Daneben bleibt Papier frei.
Eine Linie endet an einer Stelle, an der sie auch hätte weitergehen können. Zwischen zwei Formen ist mehr Raum geblieben, als ich zunächst vorgesehen hatte.
Nichts davon muss ein Rätsel sein.
Eine Linie muss nichts bezeichnen, um im Bild Gewicht zu bekommen.
Vielleicht liegt Bedeutsamkeit manchmal genau dort.
Nicht in einer Nachricht hinter der Form.
Sondern darin, dass sie wirkt, bevor wir sie zu einem Zeichen machen.