Wenn ich heute eine ältere Arbeit hervorhole, fällt mir manchmal etwas darin auf, das mir inzwischen vertraut vorkommt. Vielleicht ist es eine Linie oder eine bestimmte Bewegung. Der Gedanke kommt schnell: Da war es also schon. Als hätte ich gerade eine frühe Spur von etwas gefunden, das später deutlicher geworden ist.
Aber damals konnte ich das nicht wissen.
Die späteren Arbeiten gab es noch nicht. Vielleicht war mir an diesem Bild etwas ganz anderes wichtig. Vielleicht habe ich genau die Stelle, die mir heute auffällt, kaum beachtet.
Erst heute fällt sie auf. Weil ich inzwischen weiß, was danach kam. Das macht die Ähnlichkeit nicht weniger wirklich. Zwischen einer früheren und einer späteren Arbeit kann tatsächlich eine Verbindung bestehen. Nur konnte ich diese Verbindung damals noch nicht sehen. Es gab das Spätere noch nicht.
Heute kann ich mehrere Arbeiten nebeneinanderlegen. Wiederholungen werden sichtbar. Manches taucht in späteren Arbeiten wieder auf, anderes nicht. Etwas, das damals vielleicht einfach ausprobiert wurde, kann im Rückblick wie ein Anfang aussehen. Das Spätere verändert nicht, was geschehen ist. Aber es verändert, was darin auffällt. Vielleicht ist das eine Eigenart des Rückblicks. Er sieht mehr. Und manchmal sieht er dadurch auch eindeutiger.
Aus der Gegenwart heraus lassen sich Entwicklungen beschreiben, die während ihres Entstehens viel weniger klar waren. Was geblieben ist, bekommt mehr Gewicht, weil ich seine Fortsetzung kenne. Andere Möglichkeiten treten zurück, obwohl sie damals noch offen waren. Der Zusammenhang, den ich heute sehe, muss deshalb nicht falsch sein. Er gehört nur zu einem Blickpunkt, den es früher noch nicht gab.
„Eigentlich wollte ich schon immer dorthin.“ Vielleicht stimmt dieser Satz vollkommen. Und trotzdem klingt er anders, wenn man bereits weiß, wo jemand angekommen ist. Eine Entscheidung, die damals neben mehreren anderen Möglichkeiten stand, erscheint später vielleicht selbstverständlich. Eine Begegnung bekommt Gewicht. Ein Interesse wirkt plötzlich wie ein früher Hinweis auf etwas, das erst Jahre später wichtig wurde.
Das alles kann tatsächlich zusammengehören. Nur war damals noch offen, welche dieser Möglichkeiten sich fortsetzen würde. Wir können die Vergangenheit nicht noch einmal mit demselben Nichtwissen betrachten, das wir damals hatten.
Sobald ich weiß, was später geschehen ist, lässt sich dieses Wissen nicht einfach abschalten. Bei einer älteren Arbeit ist es genauso. Ich weiß heute, was nach ihr kam. Mein damaliger Blick wusste es nicht. Deshalb macht für mich ein kleiner Unterschied inzwischen viel aus.
Ich kann sagen: Hier begann etwas.
Oder: Hier erkenne ich heute einen Anfang.
Der zweite Satz lässt mehr von dem Moment übrig, wie er damals gewesen sein könnte.
Er behauptet nicht, dass in der frühen Arbeit bereits alles enthalten war, was später daraus entstand. Er sagt nur, dass ich von heute aus eine Verbindung sehe.
Vielleicht ist das genauer.
Dass eine Entscheidung später Folgen hatte, bedeutet schließlich nicht, dass sie mit Blick auf diese Folgen getroffen wurde. Etwas kann zufällig begonnen haben und später wichtig werden. Eine kleine Entscheidung kann Folgen haben, die in diesem Moment noch gar nicht absehbar waren.
Das macht den späteren Zusammenhang nicht weniger real.
Aber es lässt dem Früheren seine Offenheit. Gerade die geht im Rückblick leicht verloren. Denn heute weiß ich, welche Möglichkeit tatsächlich weiterging. Damals gab es daneben noch andere.
Wenn ich später davon erzähle, liegen zwei Formulierungen oft erstaunlich nah beieinander.
Das war eine Arbeit, in der ich heute etwas wiedererkenne. Das war der Moment, in dem alles begann. Oder: Danach ging es in diese Richtung. Darauf lief es hinaus. Die Sätze unterscheiden sich nur wenig. Aber sie sehen die Vergangenheit nicht auf dieselbe Weise.
Der zweite kennt das Ende schon.
Vielleicht wirken abgeschlossene Entwicklungen deshalb oft klarer als das, was gerade geschieht. Bei einer älteren Arbeit kann ich sehen, was später wieder auftauchte. Bei einer Arbeit, die heute vor mir liegt, fehlt dieses Wissen. Die Gegenwart ist weniger ordentlich.
Ich kann etwas ausprobieren und nicht wissen, ob es einmalig bleibt. Eine kleine Veränderung kann sich später als wichtig erweisen oder völlig verschwinden. Im Moment lässt sich das nicht entscheiden.
Trotzdem entsteht schnell der Wunsch, etwas einzuordnen. Hier beginnt eine neue Richtung. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Solche Sätze können helfen. Sie machen etwas, das gerade noch offen ist, für einen Moment greifbarer. Aber manchmal kommen sie ein wenig früh.
Ich muss heute noch nicht wissen, welche Rolle eine Arbeit später einmal spielen wird. Der Rückblick kann Verbindungen sichtbar machen, die im einzelnen Moment kaum zu erkennen waren. Darin liegt seine Stärke. Nur bedeutet die Linie, die ich heute ziehen kann, nicht, dass sie damals die einzige mögliche war.
Vielleicht erkenne ich in dieser Arbeit in einigen Jahren einen Anfang. Vielleicht wirkt sie dann wie eine Ausnahme, oder mir fällt etwas daran auf, das ich heute kaum beachte. Vielleicht bekommt sie später überhaupt keine besondere Stellung.
Heute ist sie keines davon.
Sie liegt einfach vor mir.